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Freitag, 24. Mai 2013 |
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Geschrieben von: Helmut Spehl
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Mittwoch, den 02. Februar 2005 um 17:29 Uhr |
Helmut S. über Helmut S.
Nosce te ipsum
- Erkenne dich selbst! Ich will mir Mühe geben obwohl ich weiß, daß es
nicht gelingen wird. Wer kennt sich denn noch selbst, wenn andere ihn
erkannt haben? Wir Menschen sind nichts anderes als Truggestalten,
großgezogen zu schemenhaften Zwecken, und seit die großen Medien das
Sagen haben, bloß noch flüchtige Schattenbilder aus ihrer Camera
obscura. Wer öffentlich von sich reden gemacht hat, wird vom
Obskurantismus verfolgt auf Schritt und Tritt.
Vor 25 Jahren hat
mich mal ein protestantischer, linksgerichteter Theologieprofessor in
flagranti ertappt. Ich hatte ihm, Anfang Juni 1978, zwei Exemplare des
soeben frisch aus der Druckerei gekommenen «Behemoth» geschickt, und er
hat eines davon weitergegeben. Ich muß dazu sagen, daß wir Ende der
60er und Anfang der 70er Jahre in durchaus freundlichem Briefkontakt
über die «Briefe vom Anderen Israel» standen. Diesmal schwieg er. Ende
November fragte ich ihn, ganz formlos hingekritzelt auf einen Zettel:
"Was habe ich falsch gemacht?" Fünf Tage später kam eine verblüffende
Antwort: "Sie haben nichts falsch gemacht! Von H. Gollwitzer hörte ich,
daß Sie selbst Jude sind. Das wußte ich nicht..." Also bitte, ich wußte
es auch nicht. Aber ich wußte offenbar schon damals, wie man solche
Metastasen der Umerziehung behandelt. Am 5. Dezember habe ich auf
folgende Weise dementiert: "Ich kann die Meinung von Professor
Gollwitzer als schönstes Kompliment meines Lebens betrachten, das ich
wohl der ehrwürdigen Vorstellung zu verdanken habe, daß nur die
Beschneidung die Weite bringt, uneingeschränkt fir die Rechte des
geschundenen palästinensischen Volkes einzutreten."
Dreizehn
Jahre später, im August 1991, habe ich in der Zeitung gelesen, daß ich
ein Antisemit bin. Zugegeben, es kam nicht in der großen Presse, es war
ein auflagenstarkes Regionalblatt, das es zuerst gedruckt hat, taz und
konkret waren umgehend behilflich, und etliche Hinterhofblätter nahmen
mein einigermaßen kompliziertes Deutsch auseinander und setzten es nach
Gutdünken und Vermögen wieder zusammen. Seither bin ich ein Antisemit.
Kann
ein Jude Antisemit sein? Nicht ich bin es, der so fragt, der Tel Aviver
Korrespondent des Konstanzer Südkurier, Charles Landsmann, hat kürzlich
diese Frage gestellt:
The small book of 132 pages was not
published publicly in Germany for reasons which Mr. Spehl explains in
the book and which are self-explanatory. Yet I think they should be
published in English and French. They are the best which I read,
especially for their historical and moral perspective. I asked Mr.
Spehl to send you a copy. Perhaps you would be willing to write an
introduction which would facilitate finding publishers...
Lassen
wir das. Ausreden helfen nicht weiter, ein Antisemit gilt nichts in
seinem Vaterland. Aber vielleicht darf ich noch sagen, daß auch einmal
die Nagelprobe gemacht wurde (ein sehr guter israelischer Freund hat
sie auf sehr verschlungenen Wegen gemacht), was israelische
Geheimdienststellen von meinen Schriften halten. Mein Name sei dort
bekannt, so stellte sich heraus, meine Publikationen in Deutschland
seien registriert und als "sehr schädlich, aber ehrlich und frei von
Verleumdungen" eingestuft worden.
Wer bin ich also? Man sieht,
das ist leichter gefragt als gesagt. Ein paar Daten können freilich
nicht in Zweifel gezogen werden. Ich werde in diesem Jahr 74 Jahre alt
und die Zeichen mehren sich, daß mein Leben dem Ende entgegengeht. In
diesem Alter sorgt man sich um seine Gesundheit und alles andere
erscheint wie durch einen zunehmend dichten Nebelschleier. Es wird hier
genügen wenn ich sage, daß ich Physik studiert habe, und daß ich nach
meiner Promotion mit einem Stipendium der Stiftung Volkswagenwerk ein
Jahr lang am Weizmann-Institut in Rehovoth gearbeitet habe. Während
dieser Zeit bin ich zum ersten Mal dem weltweiten Problem Palästina
begegnet. Meine Frau hat damals Hebräisch gelernt und hat später viele
der hebräischen Texte übersetzt, die in meinen Schriften festgehalten
sind. Was also heißt, daß ich viele Jahre lang tagsüber den
Physikdozenten und den Physikprofessor gespielt und nachts mit Hilfe
der hebräischen Tagespresse das Leid der Palästinenser aufgespürt habe.
Man sollte meinen, sich auf die israelische Presse zu stützen sei die
sicherste aller denkbaren Methoden, aber eines Tages hat man mir
entgegengehalten: "Mit Auschwitz hat ein Deutscher das Recht verloren,
die hebräische Presse zu zitieren." Was soll man dazu noch sagen! Wenn
das Palästinaproblem nur noch durch die Zensurbrille gesehen werden
darf, beginnt man zu resignieren. Ich habe resigniert. Ich höre nicht
mehr gut und mein Gedächtnis hat nachgelassen., aber ich bin immer noch
unerschütterlich der Meinung, daß das weltweite Problem Palästina mit
jedem Blick durch die Zensurbrille einem Atomkrieg ein bißchen näher
kommt. Man wird da doch sehen.
Vor ein paar Wochen bekam ich
einen Anruf aus Reykjavik. Elias D. möchte allen Ernstes die
Verlagsrechte an meinen Schriften erwerben. Er möchte sie ins Englische
und Französische übersetzen lassen. Er scheint sich viel davon zu
versprechen. Ich weiß nicht so recht. Hans Wollschläger, der Übersetzer
des Ulysses von James Joyce, hat mir vor langer Zeit einmal
geschrieben: "Ich denke viel über das Wahre nach, das Sie sichtbar
gemacht haben und das allgemein sichtbar wohl erst in hundert Jahren
sein wird." Die hundert Jahre sind noch nicht um. Wie auch immer -
Elias D. hat nun die Verlagsrechte an meinen Palästinaschriften, ihre
zweite Odyssee mag also beginnen.
Wer meine Schriften heute noch
lesen mag, wird zumindest (und wahrscheinlich mit Erstaunen)
feststellen, daß es nichts Neues unter der Sonne gibt. Ich sagte es
schon: im Zionismus wird schon lange mit gezinkten Karten gespielt.
Auch mit den eigenen Leuten. Ich errichte immer nur Mauern um mich
herum, wenn ich das sage, aber meine Umwelt fühlt sich hinter solchen
Mauern so sicher, wie sich ein Israeli von der Sperrmauer beschützt
glaubt, die seine Regierung rund um Israel zu errichten gedenkt. Mauern
haben, wie Münzen, zwei Seiten. Wer davor steht, sieht nicht, was
dahinter steckt. Nimm einen Juden aus dem Ghetto, mach ihn zum
Zionisten, und er wird ein Ghetto errichten. Nimm einen Goi, mach ihn
zum Anti-Rassisten, und er wird das Ghetto gutheißen.
Nihil novi sub sole.
H. S. Februar 2004
Kann
ein Jude Antisemit sein? Die für nichtjüdische Ohren seltsam klingende
Frage hat in diesen Tagen in Stockholm eine Antwort erhalten. Der
israelische Botschafter in Schweden beschädigte eine provokante
Einrichtung eines nach Schweden ausgewanderten israelischen Künstlers,
weil dieser damit seiner Meinung nach den Terror feierte. Ariel Scharon
lobte daraufhin den Botschafter für dessen Kampf gegen den
Antisemitismus. Kein einziger Minister wagte in der Regierungssitzung
Widerspruch. Was hat ein mißverständliches Werk über eine
Selbstmordattentäterin mit Antisemitismus zu tun? Israels Minister für
die Diaspora, Nathan Sharansky, gab nun die Antwort: "Alle Grenzen
zwischen Antisemitismus und Anti-Israelismus sind weggewischt". Wieder
wagte niemand Widerspruch gegen diese These, mit der die Regierung
Scharon vor allem ausländische Kritiker mundtot zu machen versucht -
wie sie dies mit anderen Mitteln im eigenen Land mit Kritikern bereits
längst praktiziert. Längst gelten im Lande ideologisch gefärbte
Sprachregelungen. Wer zum Beispiel den Sperrwall-Bau kritisiert, ist
Antisemit, weil er den jüdischen Einwohnern Israels das Recht auf
Schutz vor Terror abspricht. Wer gegen den Siedlungsbau ist, hat eine
antisemitische Gesinnung, denn er streitet den Juden das Menschenrecht
auf freie Niederlassung in ihrem biblischen Land ab. Wer gegen die
Drangsalierung der palästinensischen Zivilbevölkerung ist, tut dies aus
Antisemitismus, denn er will den Schutz der Siedler verhindern. Wer
sich gegen die Bombardierung von Wohnhäusern ausspricht, der ist
Antisemit, weil er das Recht des jüdischen Staates auf
Selbstverteidigung verneint... (Charles Landsmann: In einen Topf
geworfen. SÜDKURIER, 7. Januar 2004).
Gemessen an dieser
Philippika bin ich zweifellos ein Antisemit. Ich bekenne freimütig, daß
ich alle diese oder ähnliche Antisemitismen auf dem Kerbholz habe. Man
kann, zumindest privatim, glaubhaft dementieren, daß man Jude ist, aber
man kann nicht glaubhaft dementieren, daß man Antisemit ist. Man muß
damit leben, und ich kann der stetig wachsenden Zahl von
Mitleidensgenossen zwischenzeitlich versichern, daß man damit leben
kann. Beim ersten Mal, da tut's noch weh, aber man kann damit leben.
Jedenfalls besser als jeder Palästinenser, der in dritter Generation in
einem Flüchtlingslager aufgewachsen ist, also sein Schicksal einer
anderen zionistischen Spezialität verdankt, der ethnischen Säuberung.
Wenn man sich jahrzehntelang damit befaßt hat, dann weiß man, daß im
Zionismus schon lange mit gezinkten Karten gespielt wird. Im Lager der
Linksdenker noch mehr als in dem der Rechtshänder. Anderswo in der Welt
betrügt man genauso, aber niemand sonst kann es sich so anhaltend und
so ungestraft leisten. Ach, diese Leute müssen sich geradezu ermutigt
fühlen, ihre Trümpfe zu überreizen. Weiß Gott, sie werden es noch dahin
bringen, daß das letal gemeinte Wort Antisemit zu einem Ehrentitel wird.
Wie
wurstelt man sich durch als öffentlich bekanntgemachter Antisemit? Man
sucht nach Ausreden. Ich bin gewiß ein scharfer Kritiker der
zionistischen Praxis in Palästina, aber ich bin dabei in jüngeren
Jahren so weit gegangen, wie wirkliche Antisemiten nie gehen würden.
Ich habe der Meinung Ausdruck verliehen, es wäre besser und
angemessener gewesen, wenn der jüdische Staat in Süddeutschland oder in
Ostpreußen errichtet worden wäre. Wer's nicht glaubt, kann das in
einigen meiner Briefe an Dr. Lion Wagenaar nachlesen, die in dem
Bändchen «Briefe vom Anderen Israel» enthalten sind. Daß es "besser"
gewesen wäre, ließe sich heute insofern noch bekräftigen, als in
Deutschland, ganz anders als in Palästina, niemals auch nur ein
einziger Selbstmordattentäter von sich reden machen könnte. Man sagt,
die Palästinenser seien verrucht und böse, während man ebensogut sagen
könnte, sie sehen keinen Anlaß, so folgsam und unterwürfig zu sein wie
die Deutschen.
Ich suche nach weiteren Ausreden. Dabei fallen
mir die Zuschriften ein, die ich anläßlich der Publikation der «Briefe
vom Anderen Israel» erhalten habe. Das Bändchen war ein Privatdruck, es
war zunächst öffentlich nicht zugänglich und käuflich nicht erwerbbar.
Ich habe wohl mehr als tausend Exemplare an ausgesuchte
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verschickt - an Politiker,
Schriftsteller und Journalisten - und sie machten anscheinend, mir
meist verborgen, die Runde. Ich halte hier einen Brief vom 3. August
1969 in den Händen, der von Philadelphia, mit Kopie an mich, nach
London ging, ein Brief von Professor Hans Kohn an Professor Arnold J.
Toynbee, den Autor von «A Study of History»:
Dear Arnold,
you
know how much I agree with your point of view on Palestine and the
moral issues for Judaism involved therein. This year a Dutch Jew L.
Wagenaar who under the Nazi occupation spent two years in Auschwitz and
then as a religious Jew emigrated to Palestine where he witnessed the
rise and growth of Israel, has exchanged letters with a young German
who grew up under the Nazi regime and spent a year in Israel. These
letters have been published by the German participant in this
correspondence, Dr. Helmut Spehl, as a manuscript under the title
BRIEFE VOM ANDEREN ISRAEL. The book presents also Briefe vom anderen
Deutschland, because though Mr. Spehl represents not as tiny a minority
in Germany as Mr. Wagenaar does in Israel, the sincerity of his views
is pretty rare in Germany too.
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Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 20. Juli 2008 um 23:25 Uhr |
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