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Das große Fortschaffungs-Programm geht weiter PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Amos Kenan   
Donnerstag, den 17. Februar 2005 um 11:47 Uhr

Das große Fortschaffungs-Programm geht weiter

von Amos Kenan

Übersetzung nach dem hebräischen Originaltext, abgedruckt in DAVAR, 17. November 1981.

 Der Truppführer sagte uns, es sei beschlossene Sache, in unserem Abschnitt drei Dörfer zu sprengen - Jalu, Beit Nuba und Amwas. Begründet wurde das mit strategischen, taktischen und sicherheitspolitischen Argumenten. Erstens sei die Grenze im Latrun-Gebiet zu begradigen, zweitens seien die Nester arabischer Mörder zu bestrafen, drittens sei eine Basis für zukünftige Infiltration zu liquidieren.

Man kann über dieses idiotische Konzept debattieren, das davon ausgeht, daß ein Infiltrant, der ein Haus verliert, kein anderes Haus findet. Man kann über die Zweckmäßigkeit der Vermehrung unserer zukünftigen Feinde debattieren. Aber was helfen alle Debatten?
Unsere Aufgabe sei, so hieß es, die Häuser des Dorfes durchzukämmen; aufgefundene bewaffnete Personen seien gefangenzunehmen. Unbewaffnete Personen bekommen Zeit zum Packen ihrer Habseligkeiten. Sie sind aufzufordern, in das nahegelegene Dorf Beit Sira zu gehen. Ferner wurde uns gesagt, wir hätten an den Ortszugängen Stellung zu beziehen und sämtliche Dorfbewohner am Betreten des Dorfes zu hindern, die aus ihrem Unterschlupf auftauchen, weil sie israelische Rundfunk-Aufrufe zur friedlichen Rückkehr in ihre Dörfer gehört hatten. Der Befehl lautete, über ihre Köpfe hinwegzuschießen, und ihnen zu bedeuten, das Dorf zu meiden.

Beit Nuba ist mit schönen Bruchsteinen gebaut, einige Häuser waren wirklich prächtig. Jedes Haus war von einem Garten mit Obst- und Olivenbäumen umgeben, Aprikosen, Weinstöcke, Zypressen. Um jeden Baum war die Erde aufgehäuft. Zwischen den Bäumen gab es überall gepflegte, gehackte und gejätete Gemüsebeete.

In einem der Häuser fanden wir einen verwundeten ägyptischen Kommando-Offizier. In einigen anderen fanden wir ein paar alte Leute. Gegen Mittag traf der erste Bulldozer ein und begann mit dem ersten Haus am Dorfrand. Mit einem einzigen Bulldozer-Hieb waren die Zypressen, die Oliven ausgerissen. Innerhalb von zehn Minuten war das erste Haus, samt dem ganzen Hausrat, ein Trümmerhaufen. Als drei Häuser zerstört waren, kam der erste Flüchtlingszug aus Richtung Ramallah.

Wir gaben keine Schüsse in die Luft ab. Einige von uns sorgten für Feuerschutz, und einige andere, die Arabisch konnten, gingen den Flüchtlingen entgegen, um ihnen Anweisungen zu geben. Es waren alte Männer darunter, die kaum gehen konnten, alte Frauen, die vor sich hinmurmelten, Mütter mit Säuglingen auf dem Arm, kleine Kinder. Die Kinder weinten und bettelten um Wasser. Sie hatten weiße Fahnen.

Wir forderten sie auf, nach Beit Sira zu gehen. Sie sagten, daß sie überall vertrieben und nirgends hereingelassen werden, und daß sie seit vier Tagen umherirren, ohne Nahrung, ohne Wasser, und daß einige von ihnen gestorben sind. Sie flehten uns an, sie ins Dorf zu lassen, und sie sagten, es sei besser, wenn wir sie erschießen.

Einige hatten eine Ziege, ein Lamm, ein Kamel oder einen Esel. Ein Vater zerrieb Weizenkörner mit den Händen und gab sie seinen vier Kindern zu Essen. Am Horizont tauchte der nächste Flüchtlingszug auf. Ein Mann mit einem Zentner Mehl auf dem Rücken, er schleppte den Sack Kilometer um Kilometer weiter. Noch mehr alte Leute, mehr Frauen, mehr Kinder. An Ort und Stelle, wo wir sie lagern lassen, brechen sie vor Erschöpfung zusammen. Manche hatten eine Kuh oder zwei, ein Kalb, ihr ganzer Besitz auf Erden. Wir erlaubten ihnen nicht, ins Dorf zu gehen und etwas mitzunehmen, denn der Befehl lautete, sie dürften nicht sehen, wie ihr Dorf zerstört wird.

Die Kinder weinten und auch einige Soldaten brachen in Tränen aus. Wir wollten den Arabern Wasser geben, aber wir konnten keines finden. Wir stoppten ein Militärfahrzeug mit einem Major, zwei Hauptleuten und einer Frau. Wir nahmen ihnen einen Benzinkanister mit Wasser weg und verteilten es unter die Flüchtlinge. Wir gaben ihnen auch Bonbons und Zigaretten. Noch ein paar Soldaten begannen zu weinen. Wir fragten die Offiziere, warum diese Flüchtlinge hin und hergeschickt und überall weggejagt werden. Sie sagten, daß ihnen das gut tut. Sollen sie weiterlaufen. Und sie fügten hinzu: "Was zum Teufel kümmern uns die Araboschim?" Als wir hörten, daß diese Offiziere eine halbe Stunde später von der Militärpolizei festgenommen wurden, weil ihr Auto vollgepackt war mit Plündergut, freuten wir uns.

Immer mehr Flüchtlinge kamen, zuletzt waren es Hunderte. Sie konnten nicht begreifen, weshalb man über den Rundfunk zur Rückkehr aufruft und doch die Rückkehr verbietet. Es war schwer, ihrem Bitten und Flehen zu widerstehen. Einer fragte uns, warum wir ihre Häuser zerstören; es wäre besser, daß wir selber darin wohnen.

Der Truppführer beschloß, zum Hauptquartier zu gehen und herauszufinden, ob dort schriftliche Befehle vorliegen, was man mit den Flüchtlingen tun und wohin man sie schicken soll. Und ob nicht Transportmöglichkeiten für die Frauen und Kinder beschafft werden könnten, und Lebensmittel. Er kam zurück und sagte, es gibt keine schriftlichen Befehle. Sie müssen vertrieben werden.

Und wir vertrieben sie. So wandern sie weiter, wie verlorene Schafe. Die Schwachen werden sterben. Am Abend fanden wir heraus, daß man uns hereingelegt hat - denn auch in Beit Sira begannen die Bulldozer mit der Zerstörung, und auch dort ließ man sie nicht herein. Wir bemerkten auch, daß nicht nur in unserem Abschnitt die Grenze aus Sicherheitsgründen begradigt wurde - in allen anderen Abschnitten ebenso. Die im Rundfunk gemachten Versprechungen wurden nicht eingehalten. Die verkündete Politik wurde niemals durchgeführt.

Unsere Einheit war wütend. Die Flüchtlinge knirschten mit den Zähnen, als sie sahen, wie die Bulldozer die Bäume niederwalzten. Während der Nacht sollten wir die Bulldozer bewachen, aber die Einheit war so erbost, daß die meisten Soldaten die Befehle nicht ausführen wollten. Am nächsten Morgen wurden wir von dort abgezogen. Keiner von uns konnte begreifen, daß Juden sich so benehmen können. Sogar diejenigen, die die Aktion für gerechtfertigt hielten, waren der Meinung, daß es möglich gewesen wäre, die Araber bis zur Entscheidung über ihr weiteres Schicksal in einem umzäunten Gebiet zu sammeln, und sie dann mit Hab und Gut an den neuen Aufenthaltsort zu transportieren.

Die Hühner und die Tauben wurden unter den Trümmern begraben. Die Felder wurden vor unseren Augen in Brachland verwandelt. Und die Kinder, die bitter weinend die Straße entlang zogen, werden in 19 Jahren, bei der nächsten Runde, zu Guerillas herangewachsen sein.

So haben wir an jenem Tag unseren Sieg verspielt.
(Gezeichnet) Amos Kenan

*

Kommentar von Prof. Helmut Spehl:

In einer kurzen Einleitung hebt Nachum Barnea den Umstand hervor, daß einerseits über den israelischen Rundfunk Aufrufe zur Rückkehr in die Dörfer verbreitet wurden, und andererseits die Vertreibung weiterging. Der Leser wird verstehen, daß in einem Programm zur "unbemerkten" Fortschaffung der Armen das eine so nötig ist wie das andere.
Amos Kenan, ein in Israel recht bekannter Schriftsteller, hatte seinen Bericht nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Er wurde damals in v e r t r a u l i c h e r Form einigen Politikern, Knesset-Abgeordneten und Journalisten zugeschickt, ist aber trotzdem in weiteren Kreisen bekannt geworden und tauchte auch im Ausland in verschiedenen Übersetzungen auf. Unter mehreren (bis auf Kürzungen gleichlautenden) Fassungen unterschiedlicher Herkunft, die in meinem Archiv vorhanden sind, ist der kürzliche Abdruck in DAVAR die erste und einzige, die innerhalb von 15 Jahren den "Beglaubigungsstempel" der Tagespresse erhalten hat.

Ich möchte dem Leser nicht verhehlen, daß ich den Bericht In manchen Details für beschönigt halte. Was Immer Amos Kenans Motive im Jahre 1967 waren, das Fortschaffungsprogramm muß ihm von 1948 her geläufig gewesen sein. Und Amos Kenan war zumindest in frühen Jahren alles andere als ein Kritiker zionistischer Methoden. Er war, um das mindeste zu sagen, ein sehr nationaler Mann:

"Einer der Eroberer des (arabischen)Dorfes Lifta war der Schriftsteller und Journalist Amos Kenan. in seinem Buch 'El arzecha, el moledetecha' schreibt er über die Ortschaft: 'In einer Winternacht des Jahres 1948 stieg ich hinunter, einen Rucksack auf dem Rucken, einen Rucksack gefüllt mit Dynamit. Lifta hieß das Dorf, ein Vorort von Jerusalem. Wir stiegen ein paarmal dort hinunter und jagten eine Menge Hauser In die Luft. Es war dies eines der ersten Dörfer, aus denen die Bewohner flohen.' ..." (KOL HA'IR, Wochenbeilage von HA'ARETZ, 21. August 1981).

Lifta gibt es nicht mehr, und Jalu, Beit Nuba und Amwas gibt es auch nicht mehr. An der Stelle des 1967 zerstörten Amwas ist 1975 ein israelischer Nationalpark eingeweiht worden, der "Kanada-Park": entworfen von dem Landschaftsarchitekten Schlomo Aharonson, finanziert aus Spenden kanadischer Juden. Die israelische Presse, die In zahlreichen Artikeln zu einem unschuldigen Besuch des wunderbar gelungenen Parks eingeladen hat, druckte daneben auch ein paar Sätze wie die folgenden:

"... Setzt euch, Kinder, und laßt euch bräunen. Aber buddelt nicht in der Erde. Ihr könntet noch immer die Reste eines Hauses finden. Aber letztlich wahre auch das kein Schaden. Wenn ihr etwas findet, werden wir euch erzählen, daß es sich um die Überreste einer Synagoge aus dem 12. Jahrhundert handelt. Ursprünglich waren hier Juden, und dann kamen die Bulldozer des Jewish National Fund. Dazwischen war hier gar nichts. Und was war, war verlassen und kaputt. Jetzt ist es ein Nationalpark, und das allein ist wichtig... " (HA'ARETZ, 3. Oktober 1975).


Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 17. April 2010 um 19:03 Uhr
 
 
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