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Den Besatzern folgen die Vertreiber PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Uri Avnery   
Donnerstag, den 17. Februar 2005 um 10:20 Uhr
DEN BESATZERN FOLGEN DIE VERTREIBER, UND DEN VERTREIBERN DIE ERBBEFLISSENEN: BIS HIN ZUM GROSSEN FLUSS

Von Uri Avnery*

 

* Übersetzung aus HAOLAM HAZEH, 4. August 1982.

Was wird wohl, was die Beziehungen zu Israel angeht, in Libanon passieren?
Wir sind jetzt Zuschauer eines eben begonnenen Spiels, über dem die beiden französischen Worte schweben: Déjà vu.

Alles, was jetzt in Südlibanon geschieht, erinnert uns an alles, was in der Westbank nach der Besetzung geschah. Die kommenden Szenen erscheinen beinahe wie Längstbekannte Fakten.

Als der Sechstagekrieg ausbrach, war der Israeli überzeugt, daß ein klarer Fall von Selbstverteidigung vorliegt.

Nasser wollte Israel vernichten, also haben wir als erste losgeschlagen. König Hussein alliierte sich mit Nasser und ließ irgendwie sogar die Waffen sprechen, also haben wir auch ihn überfallen.

Da gab es keine Frage - ein klarer Fall von Selbstverteidigung.

Als unsere Soldaten die Befehle zum Angriff auf die ägyptische Armee in Sinai erhielten, erklärte Mosche Dayan, der damalige Verteidigungsminister, daß nicht die Besetzung neuer Territorien unser Ziel sei, sondern nur die Verteidigung des Landes. Levi Eschkol, der damalige Ministerpräsident, gab eine ähnliche Erklärung ab.[Verteidigungsminister Mosche Dayan am 5. Juni 1967 um 10.00 Uhr Ortszeit in KOL ISRAEL, dem israelischen Rundfunk: "Soldaten, wir Israelis haben keine Eroberungsgelüste. Wir müssen nur verhindern, daß die arabische Armee unser Land erobert. Wir müssen die Schlinge, die uns um den Hals gelegt wurde, zerschneiden... " (Zitiert nach einer Tonbandaufzeichnung Im Archiv von Helmut Spehl - H.S.)]. Und wer denn konnte damals an Besetzung denken, in jenen Augenblicken der Erregung, der Ängste und der gehobenen Stimmung?

Der Krieg nahm seinen Lauf, gewissermaßen wie von selbst, entsprechend seiner inneren Dynamik, und nach Ablauf von sechs Tagen waren weite Territorien im Süden, im Osten und im Norden in unserer Hand.

Was sollten wir mit ihnen anfangen?

Just in diesem Augenblick begann ein Prozeß, der sich nach eigenen Gesetzen zu entwickeln schien.

Der jetzige "Frieden für Galiläa" - Krieg wurde angeblich begonnen, um die 'Terroristen' aus einem 40 Kilometer breiten Streifen zu vertreiben Von Besetzung war nirgendwo die Rede. [Erklärung der Regierung Israels vom 6. Juni 1982:"... Israel hat keinerlei Absichten auf libanesisches Territorium. Es respektiert die territoriale Integrität des Libanon..." ( Zitiert nach : Aktion 'Friede für Galiläa'. Botschaft des Staates Israel. Bonn, Juli 1982, S. 5) - H.S.]. Aber seither läuft alles automatisch ab:

Zuerst kommen die Soldaten. Sie kämpfen, töten und werden getötet. Keiner hat Zeit, über das Ergebnis nachzudenken. Sie gehorchen nur Befehlen, und meistens erwachsen die Befehle aus dem Kampfgeschehen.

Ein Gebiet, das vor ein paar Tagen fremdes Territorium, Feindesland, gewesen ist, fallt plötzlich unter israelische Kontrolle.

Was ist zu tun?
Es gibt drängende Probleme. Das wichtigste ist die Rückkehr zum normalen Leben. Also Ordnung schaffen. Wasser- und Elektrizitätsversorgung wieder in Gang bringen, Straßen flicken. Und schon ist die Militärherrschaft geboren. In der Westbank nennt man sie beim wahren Namen. In Libanon heißt sie, aus delikaten Gründen, "Spezialeinheit für Bevölkerungshilfe" [In Hebräisch: "Hapikud lezorchei hasiju'a la'esrahim". Wörtlich: Sonderkommando für Hilfe für die Zivilisten - H.S.]. Die Bezeichnungsweise kann niemanden täuschen. Die Einwohner gehen dorthin, um die Freilassung ihrer Angehörigen zu erbitten. Sie kommen mit allen möglichen Problemen. Die Würdenträger, die Polizisten und Verwaltungsleute kommen dorthin, um Befehle zu empfangen. Auch wenn der Gouverneur nicht Gouverneur genannt wird.

Die Amerikaner sagen: "Wenn eine Ente wie eine Ente aussieht, wie eine Ente schnattert und wie eine Ente watschelt, ist es eine Ente."

Und was wie ein Militärgouverneur aussieht, wie ein Militärgouverneur redet und wie ein Militärgouverneur auftritt - ist doch ein Militärgouverneur, nicht wahr?

Und haben wir erst den Militärgouverneur, haben wir auch den üblichen Verlauf der Dinge. Das tägliche Leben verläuft im Schatten der Besatzung. Seiner Natur nach ist ein Militärregime eine temporäre Sache. Aber im Leben von Nationen ist das Temporäre das Permanenteste von der Welt. (Das Sowjetregime ist seiner Ideologie nach ein klarer Fall eines temporären Regimes. Es bleibt bestehen bis zur Erfüllung der Karl Marx'schen Prophezeiung, daß unter einem kommunistischen Regime das Rahmenwerk des Staates automatisch dahinwelken wird. Der Sowjetstaat welkt seit 65 Jahren dahin, und er ist jetzt stärker und robuster als je zuvor. Wie es im Volksmund heißt: Hüte dich vor dem Einstweiligen, denn du wirst es nimmer los).

Wir haben die Besatzung. Wir haben einen Gouverneur. Wir haben ein Militärregime. Was kommt jetzt?

Nach dem Militärgouverneur kommt der Vertreibungsspezialist.
Es handelt sich hier um ein israelisches Phänomen, von dem in der offiziellen Propaganda sehr selten die Rede ist. Es passierte 1948. Es passierte 1967. Es passierte 1982. (Es passierte nicht 1956 und 1973, weil sich keine Gelegenheit ergab).

Der Fall Kafr Biram passierte 1948, und infolge der juristischen Auseinandersetzung ist er wohlbekannt. Ein ungenannter Offizier sagte den arabischen Dorfbewohnern, sie sollten aus Sicherheitsgründen sofort ihr Dorf verlassen. Er versprach ihnen, sie könnten in wenigen Tagen zurückkehren. Sie konnten nicht zurückkehren. Allem Anschein nach hatte der Offizier keinen schriftlichen Befehl. Niemand weiß, nach wessen Befehlen, auf wessen Initiative er handelte. Aber ein Offizier erwacht nicht einfach eines schönen Morgens und beschließt auf eigene Faust, ein ganzes Dorf leerzufegen.

Ein anderer Offizier, Ben Dunkelmann, - der geistige Vater von Ehe Geva - kam nach Nazareth, wo mit den dortigen arabischen Notabeln ein Übergabedokument ausgehandelt worden war, das die Sicherheit der Einwohner garantierte. Ben Dunkelmann erhielt den Befehl, sämtliche Einwohner aus Nazareth zu vertreiben. Woher der Befehl kam, wurde ihm nicht gesagt. Er lehnte die Durchführung einer nur mündlich übermittelten Entscheidung entschieden ab. Die Bevölkerung von Nazareth war gerettet. Aber um die gleiche Zeit verschwanden die Einwohner von Hunderten von arabischen Dörfern. Niemand kennt die genauen Umstände. [Zu den 1948 praktizierten Vertreibungen, siehe KLARTEXTE, Heft 6.  Zur Affäre Ben Dunkelmann siehe...

Im Sechstagekrieg von 1967 wurde die Bevölkerung des Latrun-Gebietes vertrieben; die Vertreibung der Einwohner von Kalkilja war in die Wege geleitet. Ein paar 'schöne Seelen'*16 intervenierten, und die Aktion wurde gestoppt. Aber ohne daß jemand davon Notiz nahm, vertrieben ein paar mysteriöse Leute in aller Stille über 100 000 Flüchtlinge aus dem Gebiet von Jericho. Innerhalb von Stunden war das größte Flüchtlingslager leergefegt.
Und jetzt passiert es in Libanon. Während all die guten Leute im Fernsehen über die beste Art der Rehabilitierung der Flüchtlinge debattierten, wurden sie in aller Stille aus dem von Israel kontrollierten Gebiet vertrieben. Die leeren und durch Bomben zerstörten Flüchtlingslager können jetzt, aus hygienischen Gründen, eingeebnet werden [Kommentar].
Denn immerhin - wer mag schon Seuchen?

Nach den Flüchtlings-Vertreibern kommen die Ideologen.
Es gibt in Israel zwei Haupt-Ideologien, eine religiöse und eine nicht-religiöse. In Erbschaftsfragen herrscht freilich eine Eintracht, wie sie nirgends sonst im israelischen Leben anzutreffen ist.

Die Arbeit des jüdisch-religiösen Ideologen ist höchst einfach. Er muß lediglich in der Bibel den passenden Vers mit dem Beweis ausfindig machen, daß uns das besetzte Territorium von Gott verheißen wurde. Und da Gott bekanntermaßen in seinen Verheißungen sehr großzügig war, hat er uns die Heimat aller uns umgebenden Nationen verheißen, sodaß es keine Probleme gibt.

Wir werden niemals Anatot aufgeben, den Geburtsort Jeremias. Niemals das Vereinigte Jerusalem, niemals Hebron, die Stadt Abrahams. Niemals Ramallah, die Stadt unserer Väter, niemals Jericho, die Stadt der ersten nationalen Hure [Vergl. Josua 2,1 f. und 6,25 - H.S.] Niemals Schomron, die Stadt Isebels. Und so weiter.

Der nicht-religiöse Ideologe braucht die Bibelverse nicht. Er hat den Forscherspaten. Er gräbt - und findet archäologische Überreste unseres Volkes. Die Jerusalemer Altstadt. Eine israelische Stadt aus der frühen Steinzeit. (Es gab damals keine Israelis? Nebensache!). Fernsehen, Rundfunk und Schaugeschäftsmanager bestellen Songs. Sie werden fabriziert, sie sind religiös oder nationalistisch angehaucht, manche poppig und andere wieder drücken auf die Tränendrüsen, je nachdem, wer bestellt und wer bezahlt. Und wie auch immer die Verse gehen, der Song geht alleweil so: Wir sind zu dir zurückgekehrt, zurückgekehrt zum Berge Gerisim. Zu den Wassern unseres Königs Ahab.

Wir haben die Bibelverse, wir haben die Songs. Das Annexions-Theater läuft. In Libanon hat es soeben angefangen.

Es gibt dazu Bibelverse haufenweise... Und nicht zu vergessen: Gott, der uns das ganze Land verheißen hat, vom Fluß Ägyptens bis zum Großen Fluß, hat damit automatisch Tyrus und Sidon und ganz Libanon einbezogen.

Die nicht-religiösen Juden können sich auf die Bewegung der Kana'aniter stützen. Ihrer Auffassung nach waren die Bewohner Sidons Hebräer. Der Beweis liegt auf der Hand - sie hatten die Sprache 'Heber'. Einer der Begründer der kana'anitischen Schule, Saul Tschernichovski, der hebräische Dichter, hat die Ilias und die Odyssee übersetzt, und in seinem Vorwort führt er den Beweis, daß das griechische Werk auf Tagebüchern semitischer Schiffsleute von kana'anitisch-sidonesischer Herkunft beruht. Wenn es nach den heutigen Kana'anitern geht, waren die alten Kana'aniter richtige Hebräer. Was ihnen gehörte, gehört demnach uns. Die Maroniten sind Hebräer, unsere Brüder. Tyrus, Sidon, Be'erot - der neue hebräische Name für Beirut - und andere alte Namen, die wirklich Hebräisch sind: auf diesem Gebiet sind sich die Religiösen und die Kana'aniter völlig einig [Kommentar]. Schon hat man alte Synagogen entdeckt. Manchmal habe ich den Eindruck, daß die Armee eine Sonderabteilung unterhält, die fahrbare Synagogen mit Dekors aus dem zweiten und Säulen aus dem ersten Jahrhundert bedient, und daß eine Woche nach der Ankunft der Fallschirmjäger eine frühe Synagoge zum Einsatz kommt.

Danach kommt selbstverständlich die Militär-Jeschiwa, denn auch in Uniform muß weiterstudiert werden.

Und was schleicht hinterdrein? Natürlich Hakibbutz Hameuchad [Kommentar].
Man kann niemand trauen. Saad Haddad, unser Milizionär in Südlibanon, kann tot umfallen. Und Beschir Gemayel, unser libanesischer Staatspräsident, wird Metullah und Naharia nicht verteidigen mögen. Auf lange Sicht ist nur auf uns selbst, auf unsere tapferen Kibbutzim Verlaß. Um Metullah und Naharia zu schützen, muß eine strategische Kette von Nachal-Stützpunkten errichtet werden, die irgendwann einmal richtige Kibbutzim werden.
Ein solches regionales Verteidigungsnetz erfordert selbstverständlich ein angemessenes Straßennetz. Dem hebräischen Panzer folgt der hebräische Bulldozer, wie die Frau dem Gatten folgt (oder umgekehrt).

Damit die Siedlungen, aus Sicherheitsgründen, erweitert werden können, braucht man städtische Bezirke, die die nötigen Dienstleistungen bieten. Man braucht Ober-Tyrus und Ober-Sidon - ein Blick auf die Landschaftsszene zeigt, wo sie liegen werden.

Und wo neue Städte sind, erwächst die Notwendigkeit der besseren Grenzsicherung. Die Lösung - eine weitere Befestigungslinie weiter nördlich, die den Siedlungsblock schützt, der schon ein 'Faktum' ist.

Und wo erst einmal Siedlungen sind, kann die berechtigte Forderung nach Annexion nicht weit sein. Können wir denn unsere besten Söhne all diesen Haddads und diesen Gemayels auf Gedeih und Verderben anvertrauen, die ja doch (unter uns gesagt) bloß Araber sind? Eine ganz und gar unvorstellbare Sache.

Wir brauchen israelische Gesetzgebung in diesen Gebieten.
Es ist richtig, daß die libanesischen Gebiete auf den Landkarten von Eretz Israel, die Menachem Begins Irgun Zwai Leumi auf ihre Flugblätter druckte, nicht enthalten waren [Faksimile eines IRGUN-Flugblattes in: H. Spehl, Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. (Freiburg 1979). Band 2, nach Seite 158. - Zur Nordgrenze gemäß den offiziellen zionistischen Ansprüchen während der Zeit um 1920, siehe Spätfolgen, a.a.O. Seite 183. - H.S.] Aber das gleiche gilt auch für die Golan-Höhen. Und die Golan-Höhen sind bereits annektiert. Wir sollten auch nicht übersehen, daß die zionistische Bewegung auf der Friedenskonferenz nach dem Ersten Weltkrieg eine israelische Nordgrenze entlang dem Litani gefordert hat. (Verdammt, wie heißt der Fluß gleich auf Hebräisch?).

Und so werden eines schönen Tages die Gebiete von Tyrus und Sidon und Nevatim (Ex-Nabatijeh) und das Gebiet von Matzad-Hemed (Ex-Beaufort) dem Staat Israel einverleibt.

Und endlich sind wir dann so weit, den Blick nach Osten schweifen zu lassen, in Richtung Damaskus, in Richtung der biblisch benannten Gebiete in Jordanien, von Hamat (Ex-Homs) gar noch nicht zu reden - lauter Gegenden, die uns Gott verheißen hat, in denen König David wandelte, wo es Überreste historischer Synagogen gibt und alles ohne jeden Zweifel auf uns als Erben wartet. Freilich erst, nachdem wir angegriffen worden sind.
Sollte die israelische Armee länger als ein paar Wochen in Libanon bleiben, wird all dies mit Sicherheit passieren.

Eine geschichtliche Bewegung wie der Zionismus folgt ihren eigenen Gesetzen und eigenen Regeln. Sie braucht keinen Begin, keinen Scharon, keine Techijah-Partei und keinen Rabbi Levinger, damit die Sache diesen Lauf nimmt.

Die Sache läuft ganz von alleine.

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 07. September 2011 um 09:17 Uhr
 
 
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