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Eine Sandburg PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Boaz Evron   
Donnerstag, den 17. Februar 2005 um 10:03 Uhr

EINE SANDBURG

Von Boaz Evron*

* Übersetzung aus JEDIOTH AHARONOT, 9. Juli 1982.

Das unmittelbar militärische Resultat des gegenwärtigen Krieges in Libanon mag ausfallen wie es will, politisch ist die Sache ein Reinfall. Weil nämlich der politische Denkansatz, der dahintersteht, primitiv und destruktiv ist.

Ich denke dabei nicht nur an die Zerschlagung und Unterdrückung des palästinensischen Volkes, die gegenüber dem weitergesteckten Ziel nebensächlich erscheint. Der eigentliche Sinn des Unternehmens, das den Decknamen "Starke libanesische Zentralregierung" erhalten hat, ist der Ausbruch aus dem Ghetto, in dem Israel lebt. Aber die Sache wird in der falschen Richtung angepackt, und es droht uns ein größeres Ghetto.

Neben so manchem anderen versucht Scharon in diesem Krieg Ideen zu verwirklichen, die zu Anfang dieses Jahrhunderts von den zionistischen Gruppierungen 'Nili' (um 1916-1917) und 'Gid'onim' (um 1908-1914), später dann von Ari Jabotinsky und den Kana'anitern, und zeitweise von Leuten wie Jigal Alon propagiert worden sind: Die Nation der Hebräer, oder der Jüdische Staat (je nachdem, wer die Idee formuliert), wird sich mit den anderen ethnischen und religiösen Minderheiten in der Region, etwa mit den Drusen und Maroniten, gegen die Vorherrschaft des sunnitisch-muslimischen Arabertums verbünden, es gemeinsam besiegen und schließlich herrschen.

Was bedeutet eine "starke libanesische Zentralregierung" in den Augen Scharons? Eine Regierung, in der die Maroniten herrschen, die in Libanon eine Minderheit sind, und die eine muslimische und nicht-maronitische christliche Mehrheit tyrannisieren wird. Also genau so, wie in den besetzten Gebieten die Juden herrschen, obwohl sie dabei sind, ihre Mehrheit rasch zu verlieren. Die Drusen sind ausersehen, die Werkzeuge dieser maronitischen Herrscher zu werden, und nachdem Syrien den gleichen Zerfallsprozeß durchlaufen hat, werden auch sie ihren eigenen 'Staat' haben und über ihre eigenen versklavten Moslems herrschen.

Wenn man den Propagandaschleier des "Kampfes gegen die Terroristen", und so weiter, ein wenig lüftet, wird sichtbar, daß Scharon die Wiederbelebung des Millet-Systems des ottomanischen Reiches anstrebt. Das 'Millet' war eine religiös-ethnische Gruppierung (wie zum Beispiel die Drusen, die Armenier oder die Maroniten) mit interner Rechtssprechung und ottomanischer Regierung. Scharon schwebt ein 'Millet' von genau gleichem religiös-ethnischen Zuschnitt vor, das allerdings über Waffen verfügt und die eigene versklavte Bevölkerung tyrannisiert. Und mehr noch: da das 'Millet' nicht territorial, sondern religiös-ethnisch gegliedert ist, kann es keine klar umrissenen Grenzen haben.
Dieses ganze Konzept steht in völligem Widerspruch zur Auffassung vom modernen Territorialstaat, der allen Bürgern die Gleichheit vor dem Gesetz garantiert, und der keinerlei Bindungen an religiöse oder ethnische Elemente außerhalb seiner Grenzen kennt. Seit dem Ersten Weltkrieg hat unsere Region einen komplizierten und beschwerlichen Prozeß in Richtung auf die Realisierung des modernen Territorialstaates durchgemacht. Scharons Plan gefährdet diesen Prozeß und bedroht auch uns mit dem Rückfall in semifeudale Zustände. Israels Abrücken vom modernen Konzept des Staates, erkennbar an der Unterminierung der bürgerlichen Basis zugunsten von jüdischem Chauvinismus religiösen und ethnischen Vorzeichens, ist mit der Begünstigung eines solchen Prozesses in der gesamten Region eng verknüpft.

Die Allianz von ethnischen Gruppen, in der uns die imperialistische Rolle des "Teile und herrsche" zufallen soll, wird die gesamte Region ruinieren, uns eingeschlossen. In der Unterdrückung der Drusen durch die libanesischen Falangisten bekommen wir soeben den ersten Anschauungsunterricht. Nur ein Rahmen, der über den ethnischen Gruppen steht, kann die inneren Widersprüche auflösen. Eine Allianz ethnisch gegliederter Gruppen ist eine Garantie für endlose Streitereien unter den Mitgliedern. Eine solche Allianz wird keine wahre Macht darstellen. Die Falangisten sind nicht willens, einen ernsthaften Kampf zu riskieren, und all ihre Tapferkeit erschöpft sich im Dreinschlagen auf den Schwachen. Sie warten, bis w i r "ihren Job erledigen", als ob sie uns gedungen hätten. Die ganze Macht dieser "Allianz" wird in israelischen Händen liegen, und Israel wird, wie wir bereits jetzt in Libanon sehen, die streitenden Parteien trennen müssen.

Im Rahmen einer solchen Allianz werden unsere Soldaten den Maroniten helfen müssen, ihre Moslems zu unterdrücken, dann werden sie die Drusen vor den Schiitert schützen, und schließlich in die sunnitisch-schiitischen Streitigkeiten eingreifen und Kolonialkriege in Aleppo und im drusischen Gebirge fuhren, also Kriege, die in keiner direkten Beziehung zu unserer Sicherheit stehen. Aber wir werden eben nicht, wie einst England, das weitentfernte Imperialisten-Land sein können, das mit den 'Eingeborenen' spielt. Je tiefer wir uns in diese Reibereien und Streitigkeiten verwickeln, um so gründlicher wird auch unsere eigene nationale Basis unterhöhlt, und wir werden selbst in rivalisierende Gruppen zerfallen. Da die Grundstruktur des Staates Israel ohnehin mehr und mehr ethnisch-religiöse Vorzeichen annimmt, ist eine solche Entwicklung sehr wahrscheinlich. Alle unsere Streitigkeiten werden Teil der übergeordneten Streitereien zwischen den herrschenden Gruppen und den unterdrückten Moslems sein. Wir werden einen Zustand endlosen Bürgerkriegs erleben. Um einem solchen ewigen Krieg mit unserer begrenzten Mannschaftsstärke gewachsen zu sein, werden wir, als Regel, die jährliche Reservedienstzeit auf 60 oder 80 Tage zu verlängern haben. Der obligatorische Wehrdienst wird auf mindestens 3.5 bis 4 Jahre erhöht werden müssen. Die Folge wird sein, daß die jungen Leute das Land verlassen werden, was die Last für die verbleibenden erhöht, wodurch noch mehr Dienstpflichtige dem Land den Rücken kehren, und so weiter. Gar nicht zu reden von den inneren Widersprüchen und Mißhelligkeiten, die sich herausbilden müssen. Der einzige Weg, auf dem wir dieser Falle entgehen können, ist die Förderung einer territorialen, nicht-ethnischen Politik. Aber das erfordert, daß zuerst einmal wir selbst einen Wandlungsprozeß durchmachen, um den Staat auf eine nicht-religiöse, nicht-ethnische und nicht-abstammungsmäßige Basis stellen zu können.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 17. Februar 2005 um 10:05 Uhr
 
 
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