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Die Geschichte wiederholt sich bei Anderen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Jehoschua Sobol   
Donnerstag, den 17. Februar 2005 um 00:18 Uhr

DIE GESCHICHTE WIEDERHOLT SICH BEI ANDEREN

Von Jehoschua Sobol*

* Übersetzung aus AL HAMISHMAR, 17. Januar 1984.

Die Geschichte wiederholt sich bei anderen. Die Franzosen haben nicht etwa zweimal den Krieg in Vietnam verloren: nach ihrer ersten Niederlage war ihnen die Lust zur Rückkehr nach Indochina vergangen. Ihre nächste Niederlage holten sie sich in Algerien. Die Geschichte wiederholte sich also nicht in Vietnam, jedenfalls nicht für die Franzosen. Sie wiederholte sich dort für die Amerikaner. Denn niemand kann die Amerikaner dazu zwingen, irgend etwas von den Franzosen zu lernen. Geschichte wiederholt sich nicht originalgetreu.

Napoleon holte sich nicht zweimal eine Niederlage in den Schneewüsten Rußlands. Nachdem er seine Armee einmal dort verloren hatte, kam eine Rückkehr für ihn nicht mehr in Frage. Die zweite Niederlage an gleicher Stelle holte sich Hitler, was selbstverständlich wieder zeigt, daß sich Geschichte nicht originalgetreu wiederholt, und daß es aus ihr nichts zu lernen gibt.

Keiner kann ja gezwungen werden, aus den Erfahrungen anderer zu lernen. Es steht jedem Volk völlig frei, die Erfahrungen anderer Völker zu ignorieren und sich deren Lektion am eigenen Leibe zuzuziehen. Mit welcher Blickrichtung sage ich das? Ich habe natürlich die derzeit bei uns üblich gewordenen Versuche im Auge, zwischen gewissen Ereignissen, die sich hier in letzter Zeit häufen und intensivieren, und gewissen anderen Ereignissen, die sich in Deutschland abspielten, Vergleiche zu ziehen. Jeder derartige Vergleich löst unweigerlich, und zu Recht, zornige Proteste aus: Wie bitte, bei uns werden Bücher auf öffentlichen Plätzen verbrannt? Was, bei uns vergreift man sich an Angehörigen der Minderheit und schneidet ihnen auf offener Straße die Bärte ab? Bei uns schickt man Leute in Konzentrationslager? Da ist jemand, der gegenüber irgend einer Minderheit die Endlösungs-Politik betreiben möchte?! Also bitte, alles was recht ist! Allerhöchstens gibt es doch bei uns Äußerungen, sich gegenüber Arabern zurückzuhalten. Das ist alles. Und auch diese Äußerungen kommen nicht aus dem Mund des Regierungschefs, sondern allenfalls aus dem Mund von Leuten, von denen niemand weiß, wen sie außer sich selber repräsentieren. Zugegeben, da gab es vor drei Jahren den bekannten Anschlag auf die Bürgermeister der Westbank, aber hatte das irgendwelche Weiterungen? Eine isolierte Episode, nichts weiter! Ja, richtig, da und dort gab es Zwischenfälle, erschossene arabische Jugendliche, 15, vielleicht 20 Vorfälle, aber das waren einfach Zwischenfalle. Isolierte Episoden! Von Regierungsseite wurde überdies Mißbilligung geäußert, die Polizei hat sogar eine Untersuchung eingeleitet. Also wie ist es überhaupt möglich, daß man zwischen uns und Deutschland anfängt Vergleiche zu ziehen? Zugegeben, da war der Mord an Emil Gruenzweig bei der Demonstration in Jerusalem, und es gab den Vorfall mit dem Massaker im Islamischen Kolleg in Hebron, aber bei all diesen Vorfällen ist eine Untersuchung eingeleitet worden! Und wohlbemerkt: alles ohne Weiterungen. Isolierte Episoden! Absolute Einzelfälle! Wo soll denn bitte der Zusammenhang sein zwischen diesen paar isolierten Fällen, und dem, was in Deutschland geschah? Also hört doch um Himmels willen auf, Vergleiche mit Deutschland anzustellen! Mit historischen Analogien geht man immer in die Irre, Geschichte wiederholt sich nicht originalgetreu.

An dieser Stelle sollte man innehalten und fragen: Sind denn die Dinge in Deutschland so ganz unvermittelt geschehen? Sind die Deutschen vielleicht eines schönen Morgens aufgestanden, haben begonnen, Bücher zu verbrennen, haben dann so gegen Mittag die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte eingeschlagen, am Nachmittag Konzentrationslager und Ghettos eingerichtet und waren am Abend mit Mord und Totschlag beschäftigt, der schließlich in der Nacht zum Völkermord gediehen ist? Ist dies alles tatsächlich an einem Tag geschehen, oder lagen nicht vielleicht auch in Deutschland ein paar Jahrzehnte zwischen dem Tag, an dem Wilhelm Marr mit der Verbreitung seiner antisemitischen Lehre begann, und jenem anderen Tag, an dem sich eine Gruppe von verrückten Randfiguren in einem Münchner Bierkeller versammelte? Und haben wirklich diese Randfiguren, die sich in jenem Bierkeller geschworen hatten, Deutschland zu erretten, am folgenden Tag die Macht ergriffen, oder waren nicht vielleicht ein Dutzend Jahre nötig, ehe der Münchner Same in Berlin aufgehen konnte? Und sind denn nicht volle neun Jahre vergangen seit dem Tag, an dem diese Randgruppe an die Macht kam, bis zu dem denkwürdigen anderen, an dem auf der Konferenz von Wannsee endgültig über die Durchführung der Politik systematischer Menschenvernichtung entschieden wurde?
Es versteht sich von selbst, daß "episodenhafte" Erscheinungen, wie der Mord an Emil Gruenzweig in Jerusalem oder das Massaker im Islamischen Kolleg in Hebron, nicht in ein Deutschland der 40er Jahre gehören, auch nicht in ein Deutschland unmittelbar nach 1933. Sie gehören in die Zeit der letzten Regungen des vom Tode gezeichneten Deutschland von Weimar, als einerseits da und dort kommunistische und sozialdemokratische Funktionäre ermordet wurden, und andererseits bei Straßenschlachten auch Nazi-Krakeeler den Tod fanden, Horst Wessel zum Beispiel, dessen Name später durch die bekannte Nazi-Hymne verewigt wurde. Erscheinungen wie die Brandmarkung der sogenannten dekadenten Kunst sind nicht für die Epoche nach 1933 typisch, sie gehören genau so der Auflösungs- und Zerfallsepoche der deutschen Kultur von Weimar an, als die Presse der NSDAP schwarze Listen der "Zerstörer der deutschen Kultur" veröffentlichte, Listen mit den Namen Grosz, Piscator, Tucholsky, Brecht, Ossietzky, Kandinsky. Der Kampf für die Nazifizierung des Kultur- und Geisteslebens begann 10 Jahre vor der Machtergreifung. Es war ein Kampf, dem keineswegs immer und sofort Erfolg beschieden war. Wilhelm Frick, einer der Propagandisten und Theoretiker der Nazi-Kultur, der nach den Distriktswahlen im Jahre 1931 der Koalitionsregierung von Thüringen als Innen- und Volksbildungsminister angehörte, mußte einige Wochen nach seiner Amtsübernahme infolge starker Proteste seitens der Schriftsteller und Künstler zurücktreten, nachdem er versucht hatte, mittels Zensur die Aufführung von Filmen von Eisenstein und Pudowkin und der Werke von Hindemith und Strawinsky zu verhindern. Die Kulturrevolution zur Unterbindung freier Geistesäußerungen ereignete sich nicht über Nacht, und auch nach Hitlers Machtergreifung veröffentlichten Zeitungen, wie zum Beispiel das BERLINER TAGEBLATT oder die FRANKFURTER ZEITUNG, weiterhin Artikel und Gedichte aus der Feder von bekanntermaßen linken Autoren.

Was in unseren Tagen so beängstigend wirkt, ist nicht nur die Tatsache, daß plötzlich der Zensor sein Haupt erhebt und die Zähne zeigt, viel beängstigender ist die Offensive gegen die freie Meinungsäußerung im Land, die von unseren "Fricks" vorangetrieben wird, von Redakteuren der nationalistischen Rechten, mit der Fahne der "gesunden nationalen Kultur" vorneweg, genau nach dem Beispiel des Dr. Wilhelm Frick, der 1931 eine lächerliche Lokalgröße war und bald danach in die Berliner Reichsregierung berufen wurde. Wer deshalb die in der Knesset vernehmbaren Stimmen richtig einschätzen möchte, die sich gegen die Kultur und die Kunst der "Verderber Israels" richten, der sollte sich die Stimmen jener äußerst kleinen nationalistischen Minderheit vergegenwärtigen, die sich in den letzten Tagen von Weimar, in einer höchst demokratischen und freien Gesellschaft und Kultur, breitzumachen begann. Damals gab es noch keine Ausrottung und keinen Massenmord. Damals wurde lediglich der Samen ausgestreut, aus dem nach 10 und mehr Jahren die Giftgewächse aufschossen, die den Untergang des eigenen Volkes brachten, obgleich sie andere Völker verderben und vernichten sollten.

Und deshalb bleibt festzuhalten, daß der Ausruf: "Wenn es keinen deutschen Untergrund in Schleswig-Holstein gibt, dann muß er eben geschaffen werden", zu dem vorige Woche Rabbi Meir Kahane vor 150 Studenten der Tel Aviver Bar Ilan Universität eine Parallele hören ließ: "Wenn es keinen jüdischen Untergrund in Judäa und Samaria gibt, dann muß er halt geschaffen werden", unzweideutig in die Weimarer Tage gehört.

Und in die letzten Tage von Weimar gehörten die spottgeladenen Prahlereien von der Art: "Die Polizei hat mich in Sachen Untergrund vernommen, aber selbst wenn ich etwas wüßte, so dumm, es auszuplaudern, wäre ich nicht!" Also genau so, wie es der Rabbi sagte und bei der Gelegenheit hinzufügte: "Soviel ich bei der Polizei mitbekommen habe, handelt es sich bei den Mitgliedern des Untergrundes um Jugendliche. Und da liegt der Fehler. Der Untergrund muß aus Profis bestehen, aus Leuten des Geheimdienstes, die von der Regierung gestützt wenden." Und der Rabbi bekundete seine Bereitschaft, an der Spitze eines solchen Untergrundes mitzumachen. Nicht zu vergessen die Drohung gegen den unerwünschten Knessetabgeordneten Jossi Sarid, von dem "demnächst kein Fetzen mehr übrig sein wind". Nach Zeitungsberichten rief ein hingerissener Zuhörer aus: "Wie sie Emil Gruenzweig zerfetzt haben." Nach dem Auftritt des Rabbi kam es zu Diskussionen, bei denen seine Anhänger geltend machten, daß alle seine Worte in den Halacha verankert seien, und daß es ein Gebot sei, sie in die Tat umzusetzen, wenn die Heiligkeit des Volkes Israel bewahrt werden soll.

Geschichte wiederholt sich nicht originalgetreu. Sie wiederholt sich nachahmerisch bei anderen. Die Tage von Weimar werden sich nicht in Deutschland wiederholen. Wir erleben sie, hier und heute.

 
 
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